Lorano Pro enthält Desloratadin, einen Antihistaminikum der dritten Generation und aktiven Metaboliten von Loratadin (Lorano akut). Beide Präparate werden bei saisonalem Heuschnupfen und chronischer Urtikaria eingesetzt. Die Frage nach einer möglichen Gewichtszunahme ist nicht aus der Luft gegriffen.
Histamin und die Energiebilanz
Histamin ist weit mehr als nur ein Allergiemediator. Im Zentralnervensystem reguliert es über H1- und H3-Rezeptoren Appetit und Energieverbrauch. Neuronales Histamin dämpft den Hunger: Bindet es an H1-Rezeptoren im Hypothalamus, entsteht ein Sättigungssignal. Ist dieser Rezeptor blockiert, bleibt das Signal aus – und der Appetit wächst.
Antihistaminika der ersten Generation (Diphenhydramin, Chlorphenamin) passieren die Blut-Hirn-Schranke gut und regen den Appetit spürbar an. Präparate der zweiten Generation – darunter Loratadin – wurden mit dem Ziel entwickelt, möglichst wenig ins Zentralnervensystem einzudringen. Die dritte Generation (Desloratadin) hat eine noch ausgeprägtere periphere H1-Selektivität. Zentrale Wirkungen sollten theoretisch minimal sein.
WHO-Daten und das Sicherheitssignal
Im Jahr 2017 erschien im WHO Pharmaceuticals Newsletter eine Analyse auf Basis der globalen Spontanmeldedatenbank VigiBase. Die Autoren Viola E. und Conforti A. stellten eine mögliche Verbindung zwischen der Einnahme von Loratadin oder Desloratadin und Gewichtszunahme bei Kindern fest.
Eine weitere Studie, erschienen in PMC, untersuchte den Einfluss von Antihistaminika – einschließlich Loratadin – auf den BMI bei Kindern lateinamerikanischer Herkunft. Bei Kindern, die Antihistaminika einnahmen, lagen die BMI-Perzentilen signifikant höher als in der Vergleichsgruppe.
Ein konkreter Fall aus der deutschen Praxis: Ein siebenjähriger Junge mit Hausstaubmilbenallergie erhielt täglich 2,5 mg Desloratadin. Innerhalb von zwei Monaten nahm er 4,5 kg zu. Der Appetit stieg beim Einnehmen des Präparats stark an und verschwand in Behandlungspausen.
Offizielle Produktinformation
In den deutschen Fachinformationen zu Loratadin-haltigen Arzneimitteln ist eine Appetitsteigerung als gelegentliche Nebenwirkung mit einer Häufigkeit von etwa 0,5 Prozent vermerkt. Für Desloratadin (Lorano Pro) fehlt dieser Eintrag. Gewichtszunahme wird in keiner der offiziellen Produktinformationen aufgeführt.
Das bedeutet nicht, dass der Effekt nicht existiert – er ist lediglich nicht als eigenständige Nebenwirkung dokumentiert.
Allergie selbst beeinflusst das Gewicht
Ein Teil der Gewichtsveränderungen bei Allergikern hat nichts mit dem Medikament zu tun.
Chronische Entzündungen im Rahmen allergischer Prozesse erhöhen den Kortisolspiegel. Kortisol fördert die Einlagerung von viszeralem Fett und steigert den Appetit – besonders die Lust auf Kohlenhydrate.
Schnupfen und Atembehinderung verschlechtern die Schlafqualität. Schlechter Schlaf erhöht Ghrelin und senkt Leptin. Weniger Schlaf bedeutet mehr Hunger.
Bei schwerem Heuschnupfen sinkt die körperliche Aktivität in der Pollensaison – das senkt den Kalorienverbrauch, unabhängig von der Therapie.
Saisonale versus dauerhafte Einnahme
Bei saisonalem Gebrauch über 4 bis 8 Wochen ist das Risiko einer nennenswerten Gewichtsveränderung gering. Bei einer Dauereinnahme über das ganze Jahr steigt die kumulative Wirkung auf die Appetitrezeptoren – und eine Gewichtskontrolle wird sinnvoll.
Fällt bei einem Kind oder Erwachsenen unter Lorano Pro eine unerklärliche Gewichtszunahme auf, ist das Anlass, mit dem Arzt über einen Wechsel des Präparats oder eine Anpassung der Ernährung zu sprechen. Unter den Alternativen mit gut untersuchtem Stoffwechselprofil finden sich Fexofenadin und Bilastin.