Brintellix (Wirkstoff Vortioxetin) galt bei seiner Einführung als Antidepressivum mit besonders günstigem Nebenwirkungsprofil — insbesondere in Bezug auf Gewicht und Sexualfunktion. Seit 2016 ist das Präparat in Deutschland nicht mehr regulär erhältlich, was die Informationslage für Betroffene zusätzlich verkompliziert. Trotzdem bleibt die Frage nach der Gewichtszunahme unter Vortioxetin relevant, denn das Medikament wird über Einzelimporte weiterhin eingenommen.
Klinische Studiendaten zur Gewichtsveränderung
Die Datenlage ist auf den ersten Blick eindeutig: In placebokontrollierten Kurzzeitstudien über sechs bis acht Wochen zeigte Vortioxetin keinen statistisch signifikanten Einfluss auf das Körpergewicht. Die mittlere Veränderung lag zwischen minus 0,1 und plus 0,1 Kilogramm — praktisch null. Auch in einer sechsmonatigen Erhaltungsstudie bestätigte sich dieses Bild. Die gepoolten Sicherheitsdaten ergaben, dass klinisch relevante Gewichtszunahmen (definiert als mindestens sieben Prozent Anstieg vom Ausgangswert) bei 0 bis 1,2 Prozent der Studienteilnehmer auftraten, verglichen mit 0,6 Prozent unter Placebo. Das FDA-Label für Trintellix (so heißt das Präparat seit 2016 in den USA, nach einer Namensänderung wegen Verwechslungsgefahr) hält dementsprechend fest, dass das Medikament keinen signifikanten Effekt auf das Körpergewicht hatte.
Differenzierter wird das Bild allerdings bei längerer Einnahme. In einer 52-Wochen-Studie traten klinisch signifikante Gewichtszunahmen bei geschätzten 11 bis 13 Prozent der Anwender auf, während 7,7 Prozent an Gewicht verloren. Der durchschnittliche Zuwachs lag bei rund 0,7 bis 0,8 Kilogramm. Das ist im Vergleich zu vielen anderen Antidepressiva — besonders trizyklischen Präparaten, Mirtazapin oder Paroxetin — immer noch moderat, aber es ist eben nicht null.
Erfahrungen von Anwendern
Was in kontrollierten Studien marginal erscheint, kann im Einzelfall durchaus spürbar sein. Auf Bewertungsportalen wie Sanego und Meamedica berichten einige Nutzer von deutlicher Gewichtszunahme unter Brintellix. Ein Anwender schildert einen Anstieg von 82 auf 89 Kilogramm innerhalb der ersten acht Monate, ein anderer berichtet von zehn Kilogramm Zunahme innerhalb eines Monats nach dem Absetzen. Mehrere Nutzer beschreiben ein gesteigertes Hungergefühl, das sie vor der Einnahme nicht kannten. Demgegenüber stehen zahlreiche Berichte, in denen das Gewicht stabil blieb oder die Anwender explizit das Ausbleiben von Gewichtsveränderungen als Pluspunkt hervorheben — gerade im Vergleich zu vorherigen Antidepressiva.
Die Schwierigkeit bei der Interpretation solcher Berichte liegt darin, dass Depression selbst das Essverhalten verändert. Ein Antidepressivum, das die Stimmung hebt, kann indirekt auch den Appetit zurückbringen, der während einer schweren depressiven Episode unterdrückt war. Ob die Gewichtszunahme dann dem Medikament oder der gebesserten psychischen Verfassung zuzuschreiben ist, lässt sich oft nicht trennen.
Multimodaler Wirkungsmechanismus
Vortioxetin unterscheidet sich von klassischen SSRI nicht nur marketingstrategisch, sondern tatsächlich pharmakologisch. Neben der Serotonin-Wiederaufnahmehemmung wirkt es als Agonist am 5-HT1A-Rezeptor, als partieller Agonist am 5-HT1B-Rezeptor und als Antagonist an den 5-HT3-, 5-HT1D- und 5-HT7-Rezeptoren. Diese Kombination beeinflusst die Freisetzung mehrerer Neurotransmitter gleichzeitig und könnte erklären, warum Vortioxetin in manchen Bereichen — wie kognitive Funktion und eben auch Gewichtsneutralität — tendenziell günstiger abschneidet als ältere Serotonin-Modulatoren. Eine Tierstudie aus dem Jahr 2024 lieferte einen weiteren interessanten Hinweis: Vortioxetin reduzierte bei fettreich gefütterten Mäusen die Gewichtszunahme, und zwar über eine Veränderung der Darmflora. Ob sich dieser Mechanismus auf den Menschen übertragen lässt, ist allerdings noch offen.
Verfügbarkeit in Deutschland
Die Geschichte von Brintellix in Deutschland ist ein Lehrstück über die Mechanismen des Arzneimittelmarkts. Nach der Zulassung im Mai 2015 bewertete der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den Zusatznutzen von Vortioxetin gegenüber bereits verfügbaren SSRI als nicht belegt. Der anschließende Preisstreit zwischen Lundbeck und dem GKV-Spitzenverband führte dazu, dass der Hersteller das Präparat im August 2016 vom deutschen Markt nahm. Seit 2017 sind auch Reimportbestände erschöpft. Patienten, die auf Vortioxetin angewiesen sind, können das Medikament theoretisch über einen Einzelimport aus EU-Ländern wie Tschechien oder der Slowakei beziehen — praktisch gestaltet sich das allerdings als bürokratisches Hindernis, da viele Krankenkassen die Kostenübernahme ablehnen.
Für Betroffene, die unter Brintellix eine stabile Remission ihrer Depression erreicht hatten und nun umstellen müssen, ist diese Situation mehr als ärgerlich. Der Einwand mancher Gesundheitsökonomen, es gäbe genug gleichwertige Alternativen, wird von Patienten, die auf genau dieses Nebenwirkungsprofil angewiesen waren, verständlicherweise nicht geteilt.
Übelkeit als tatsächlich häufige Nebenwirkung
Während die Gewichtszunahme in den klinischen Daten eher ein Randthema ist, dominiert eine andere Nebenwirkung die Erfahrungsberichte: Übelkeit. Sie betrifft dosisabhängig etwa 20 bis 31 Prozent der Anwender und ist der mit Abstand häufigste Grund für Beschwerden in den ersten Behandlungswochen. Erbrechen tritt bei drei bis sieben Prozent auf. Die gute Nachricht: Die Übelkeit ist in den meisten Fällen vorübergehend und lässt nach einigen Wochen nach. Einige Anwender berichten, dass die Einnahme zu einer Mahlzeit oder das Trinken von Ingwertee die Beschwerden lindern kann. Neben der Übelkeit werden Alpträume, Schwindel und ein vorübergehender Tremor genannt. Sexuelle Dysfunktion, eines der Hauptprobleme klassischer SSRI, tritt unter Vortioxetin zwar auf, aber seltener — auch wenn die tatsächlichen Zahlen in Studien mit aktiver Nachfrage höher ausfallen als in den Zulassungsstudien zunächst berichtet.