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Gewichtsverlust

Abnehmen mit Globuli

Abnehmen mit Globuli

Globuli sind kleine Zuckerkügelchen, die mit stark verdünnten Substanzen pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Ursprungs getränkt werden. In Deutschland erfreuen sie sich großer Beliebtheit. In jeder Apotheke finden sich Packungen mit dem Versprechen „zum Abnehmen“. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen – was dahintersteckt und was nicht.

Wie Homöopathie funktioniert

Die Homöopathie geht auf Samuel Hahnemann zurück und beruht auf dem Prinzip: Ähnliches heilt Ähnliches (similia similibus curantur). Ein Stoff, der bei Gesunden bestimmte Symptome auslöst, soll in verdünnter Form ähnliche Beschwerden bei Kranken lindern.

Globuli entstehen durch schrittweises Verdünnen und Schütteln (Potenzieren). Die Angabe D6 bedeutet eine sechsfache Verdünnung im Verhältnis 1:10. D12 steht für eine zwölffache. Mit jeder Stufe nimmt die Konzentration des Ausgangsstoffs ab. Ab der Potenz D23 geht die Wahrscheinlichkeit, auch nur ein einziges Molekül der Ausgangssubstanz zu finden, gegen null.

Genau hier liegt der zentrale Streitpunkt. Aus Sicht der Chemie und Pharmakologie bedeutet das Fehlen von Molekülen: keine pharmakologische Wirkung. Befürworter der Homöopathie sprechen von einem „Informationsgedächtnis“ des Wassers. Einen wissenschaftlichen Nachweis für diese These gibt es nicht.

Welche Globuli zum Abnehmen empfohlen werden

In der homöopathischen Praxis kommen beim Thema Gewicht verschiedene Mittel zum Einsatz, jedes mit einer eigenen „Indikation“:

  • Fucus vesiculosus (Blasentang) – eine jodhaltige Alge. In der Potenz D6 soll sie den Stoffwechsel anregen. Bei Schilddrüsenüberfunktion kontraindiziert.
  • Madar (Calotropis gigantea) – eine Pflanze aus Südasien. In der Potenz D4 gilt sie als appetithemmend.
  • Argentum nitricum – Silbernitrat. In der Potenz D12 empfohlen bei Heißhunger auf Süßes.
  • Calcium carbonicum – Calciumcarbonat. In der Potenz D12 eingesetzt bei „emotionalem Essen“.
  • Sepia – hergestellt aus Tintenfischtinte. In der Potenz D12 verordnet bei Gewichtszunahme in den Wechseljahren.

Alle diese Mittel enthalten in homöopathischen Potenzen verschwindend geringe Mengen der Ausgangssubstanz – oder gar nichts davon. Der Hauptbestandteil der Globuli ist Saccharose.

Was die Wissenschaft dazu sagt

2005 veröffentlichte The Lancet eine Metaanalyse von Shang und Kollegen. Die Autoren verglichen 110 placebokontrollierte Studien zur Homöopathie mit ebenso vielen Studien zur konventionellen Medizin. Ihr Fazit: Die klinischen Effekte der Homöopathie sind mit Placeboeffekten vereinbar. Der Leitartikel in derselben Ausgabe trug die Überschrift „The end of homoeopathy“.

An der Studie gab es Kritik. Die endgültigen Schlussfolgerungen stützten sich auf nur 8 der 110 Untersuchungen. Die Methodik wurde angefochten. Im Kern deckt sich das Ergebnis aber mit der Position der meisten nationalen Wissenschaftsakademien und Zulassungsbehörden: Überzeugende Belege dafür, dass Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirkt, liegen nicht vor.

Beim Thema Abnehmen ist die Lage noch eindeutiger. Es existiert keine einzige große randomisierte kontrollierte Studie, die eine Wirksamkeit von Globuli bei der Gewichtsreduktion belegt.

Was der Placeboeffekt bewirkt

Keine pharmakologische Wirkung heißt nicht: kein Effekt. Placebos wirken. Manchmal spürbar.

Wer anfängt, Globuli einzunehmen, achtet gleichzeitig stärker auf die Ernährung. Es entsteht ein Ritual, eine Achtsamkeit. Allein die Tatsache, dass man „etwas tut“, schafft eine Erwartungshaltung, die das Verhalten beeinflusst. Manche greifen seltener zum Snack. Manche bewegen sich mehr.

Auf deutschen Apothekenportalen liest man Erfahrungsberichte wie: „Ich habe Fucus vesiculosus D6 dreimal täglich genommen und in einem Monat 4 kg abgenommen.“ In den Details tauchen dann weitere Veränderungen auf – weniger Süßes, mehr Spaziergänge, mehr Wasser. Was genau zum Ergebnis geführt hat – die Globuli oder die neuen Gewohnheiten?

Der Placeboeffekt ist ein reales psychophysiologisches Phänomen. Aber eine Strategie zur Gewichtsreduktion darauf aufzubauen, ist riskant.

HCG-Globuli und Radikaldiäten

Ein Sonderfall sind HCG-Globuli. Sie werden im Rahmen der HCG-Diät vermarktet, die eine Kalorienzufuhr von nur 500 kcal pro Tag vorsieht. Humanes Choriongonadotropin (HCG) ist ein Hormon, das in der Schwangerschaft gebildet wird. In homöopathischen Verdünnungen ist es nur in Spuren vorhanden – oder gar nicht.

Bei 500 kcal am Tag nimmt man ab, egal was man dazu einnimmt. Das ist eine Hungerkur. Sie birgt Risiken:

  1. Verlust an Muskelmasse
  2. Verlangsamung des Stoffwechsels
  3. Nährstoffdefizite
  4. Hormonelle Störungen

Die amerikanische Endokrinologenvereinigung und die FDA haben ausdrücklich vor HCG als Abnehmprodukt gewarnt.

Wie sicher Globuli sind

Nebenwirkungen haben Globuli in der Regel nicht. Bei derart hohen Verdünnungsgraden fehlt der Wirkstoff. Im Grunde nimmt man winzige Mengen Zucker ein. Unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit ist das eine Stärke der Homöopathie.

Die Risiken liegen auf einer anderen Ebene:

  • Man verlässt sich auf Globuli, statt bei ernsthaften Gesundheitsproblemen einen Arzt aufzusuchen.
  • Die Abklärung von Ursachen des Übergewichts wird aufgeschoben (Schilddrüsenunterfunktion, Cushing-Syndrom, polyzystisches Ovarialsyndrom).
  • Die Illusion einer Behandlung steht echten Veränderungen im Lebensstil im Weg.

Ein nüchterner Blick auf Globuli beim Abnehmen

Globuli sind unbedenklich. Sie schaffen ein Ritual und ein Gefühl der Kontrolle. Für manche Menschen ist das ein Anstoß, der hilft, das Essverhalten zu verändern. In diesem Sinne – warum nicht.

Aber von Zuckerkügelchen eine pharmakologische Wirkung auf Fettgewebe, Stoffwechsel oder Appetit zu erwarten, heißt, das zu ignorieren, was wir über Chemie und Physiologie wissen. Das Körpergewicht bestimmt die Energiebilanz: Aufnahme gegen Verbrauch. Keine Globuli der Welt verschieben dieses Gleichgewicht. Das schaffen nur die eigenen Entscheidungen – jeden Tag, bei jeder Mahlzeit.